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Eifersucht?

Das Telefon klingelt, eine ältere Stimme ist am anderen Ende der Leitung. „Bin ich bei Ihnen richtig?“ raunt es durch die Leitung. „Kommt darauf an, was Sie möchten?“ antworte ich. Der ältere Herr am anderen Ende der Leitung ist nicht mehr zu bremsen. Es sprudelt nur so aus ihm heraus. Er erzählt mir, dass sein Sohn tödlich verunglückt ist, aber so richtig weiß er nicht, was da eigentlich passiert sei und ob es sich um Eifersucht handle, da hätte es wohl Streit um eine junge Frau gegeben. Tatsächlich, er war richtig bei uns, zumindest, was die Klärung des Unfallherganges anging.  

 

Wir vereinbaren einen Termin.

 

Einige Zeit später sahen wir zunächst das Fahrzeug des Sohnes an. Es war ein schöner Sommertag, kein Wölkchen am Himmel. Der Wagen stand auf dem Hof des Vaters mit einer Plane zugedeckt. Man sah dem älteren Herren sein mulmiges Gefühl an, aber, es half nichts. Wir mussten den Wagen aufdecken, um zu sehen, wie und wo er beschädigt war. Es bot sich uns ein Bild des Grauens. Dem Pkw fehlte faktisch der Kofferraum. Die Kofferhaube stand kerzengerade nach oben.

 

Mein erster Gedanke: „Der muss von dem anderen Pkw mit voller Frontbreite getroffen worden sein, also müsste das gegnerische Fahrzeug an der Front ähnlich aussehen.“

Erstaunlicherweise habe ich hier eine für meine zukünftige Arbeit entscheidende Erfahrung gemacht. Denn zu diesem Zeitpunkt kannte ich weder die Spuren am Unfallort, noch die Schäden am anderen Pkw.  Wenn ich also jetzt die Unfallanalyse erstellt hätte, wäre ich zum Ergebnis gekommen: „Gegnerischer Pkw hat Pkw des Sohnes mit voller Überdeckung und hoher Geschwindigkeit gerammt“.

 

Doch es sollte anders kommen. Glücklicherweise bekam ich auch den anderen Pkw zu sehen. Das Schadenbild des anderen Pkw passte so gar nicht in meine bisherigen Vorstellungen. Ganz im Gegenteil, es gab Rätsel auf. Statt einer breiten Beschädigung der Front, war nur die rechte Ecke eingedrückt, aber dafür das gesamte Auto mit Beulen überzogen.

Spätestens hier war klar, ich muss auch den Unfallort sehen. Dort angekommen, waren auch einige interessante Sachen zu erkennen. Am unteren Teil des neben der Straße stehenden Baumes fehlte Rinde. Die ist mir schon an der kerzengerade nach oben stehenden Kofferhaube des Pkw des Sohnes aufgefallen, konnte sie aber zu dem Zeitpunkt der Erstbesichtigung noch nicht so richtig einordnen. Dann lag neben dem Baum ein Teil der Hinterachse. Auf der Straße selbst sah man noch eine dunkle lang gezogene Spur, die geradewegs zum Baum führte.

Was war also passiert?

 

Eins war klar, der Kofferraum des Pkw des Sohnes hatte rückwärts mit voller Wucht den Baum mitgenommen. So eine Konstellation überlebt man nicht. Aber wieso knallte der Pkw des Sohnes rückwärts gegen den Baum, wo er doch vorher auf gerader Strecke vorwärts fuhr? Die Antwort gab die Beschädigung an der Front des gegnerischen Pkws. Dort war ja nur die rechte Ecke eingedrückt. Der andere Pkw hatte zunächst zum Überholen angesetzt, da aber Gegenverkehr kam, scherte er wieder ein. Problem war nur, an dem Ort wo er einscherte, war bereits der Pkw des Sohnes. Und so verpasste der gegnerische Pkw dem Pkw des Sohnes eine ordentliche Drehung.

 

Nun konnten wir dem Vater sagen, was wirklich passiert war. Obwohl es eigentlich eine unschöne Erkenntnis war, so half sie dem Vater Abschied nehmen zu können.

Ob tatsächlich Eifersucht im Spiel war, konnten wir allerdings nicht klären.

Und selbst gewann ich die Erkenntnis, niemals eine Unfallanalyse heraus zu geben, ohne persönlich den Unfallort gesehen zu haben.

Unfallanalyse: mehr hier