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Der Überflieger

Jörn ist mit seinem Pkw auf dem Weg zur Arbeit auf der Südtangente vor Wien. Als Fuhrpark - Disponent regelt er Fuhren ins Inn- und Ausland. Er freut sich auf seine Arbeit, obwohl er gesundheitlich eigentlich eingeschränkt ist. Seine Wirbelsäule wurde vor einiger Zeit bei zwei Wirbeln mit Platten und Schrauben versteift. Aber, damit kann er leben und weiter arbeiten.

Er fährt mit normaler Geschwindigkeit, nicht zu langsam, nicht zu schnell, so, wie per Schild vorgeschrieben. Er steht ja auch nicht unter Zeitdruck. Plötzlich hebt sein Fahrzeug ab und kracht zurück auf die Fahrbahn. Er spürt einen starken Schmerz in der Wirbelsäule. "Was war das denn?" schießt es ihm durch den Kopf.

 

Einen Tag später steht es in der Zeitung. Auf der Autobahn wurde eine Überbrückung gebaut, die den großen Spalt zwischen Straße und Brücke überbrücken sollte.

 

Obgleich er starke Schmerzen im Rücken verspürt und sein Verstand ihm auch sagt, da muss wohl mehr passiert sein, zumal ja zwei Wirbel verplattet sind, geht er trotzdem arbeiten. Wird sich schon geben, denkt er. Hat sich aber nicht gegeben, muss er später einsehen.

 

Mittlerweile wurde das Arbeiten unmöglich. OP und Therapien bringen keine wirklich Besserung. Er muss schweren Herzens einen Rentenantrag stellen, eigentlich würde er lieber arbeiten gehen. Der Antrag wird aber erst einmal abgelehnt. Also ab vors Gericht. Parallel dazu gleich noch ein Verfahren gegen die Stadt wegen Schadenersatz. Die Anrampung war nicht der Norm entsprechend gebaut worden, was auch bei anderen Fahrzeugen verheerende Folgen hatte. 

 

Wir sind gemeinsam im Auto auf dem Weg zum Handelsgericht nach Wien. Dort angekommen, sitze ich, wie gewohnt zwischen ihm und seinem Anwalt. Die Einzelrichterin betritt den Raum. Uns gegenüber sitzt eine junge Anwältin, die die Stadt vertritt. Auch der Gutachterkollege ist bereits im Gerichtssaal und nimmt neben der Richterin Platz, eine österreichische Besonderheit. Die Richterin eröffnet die Verhandlung und spricht gleichzeitig in ihr Diktiergerät. Ich neige mich zum Kläger und flüstere ihm etwas ins Ohr. Da das Gerichtsgebäude noch relativ neu und die Luft sehr trocken ist, muss ich husten. Plötzlich schmeißt die Richterin das Diktiergerät auf ihren Richtertisch, brüllt mich an, ich darf jetzt nicht sprechen und räuspern dürfte ich mich auch nicht. Die gegnerische Anwältin schaut völlig entsetzt in Richtung Richterin. Ihr Gesichtsausdruck spricht Bände, so in Richtung Irrenanstalt?

 

Das Gerichtsgutachten ist natürlich gegen den Kläger. Begründung: Die Unfallbelastung entspräche den täglichen Belastungen, also völlig unbedenklich. Der Gutachterkollege hat zwar keine echten medizinischen Kenntnisse, fühlt sich aber dennoch berufen, es einschätzen zu können. Schließlich würden beim Hinsetzen (österreichisch ausgedrückt: Einsitzen in einen Sessel) und beim Treppensteigen dieselben Belastungen auftreten. Das allerdings klinkt in meinen Ohren irgendwie unglaubwürdig. Widerlegen müsste man es können, das wäre gut. Also schlage ich dem Kläger vor, mit mehreren Personen Tests durchzuführen. Gesagt getan, und siehe da die Tests zeigen, wenn sie auch eine nicht zu unterschätzende Messwert-Spanne haben, dass der Gutachter vom Gericht voll daneben lag. Das bekommt er natürlich prompt unter die Nase gehalten. Und siehe da, seine Meinung relativierte sich. Gut für den Kläger, schlecht für die Gegenseite und noch schlechter für die Richterin. Denn die wollte den Akt endlich ablegen.

 

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